Im Fokus: berufliche Vorsorge

1e-Vorsorgepläne – der Beginn einer neuen Ära


1e-Vorsorgepläne ermöglichen es gut verdienenden Arbeitnehmern, den überobligatorischen Teil der Vorsorgebeiträge flexibler anzulegen. Obwohl diese Pläne nicht neu sind, wurden sie bislang nur vereinzelt eingesetzt. Die anstehende Änderung des Schweizer Freizügigkeitsgesetzes dürfte 1e-Pläne für zahlreiche Arbeitgeber zu einer wesentlich attraktiveren Option machen. Sie bergen sogar das Potenzial, den Schweizer Vorsorgemarkt komplett umzukrempeln.

Adrian Jones

Adrian Jones

Director, Steuer & Rechtsberatung

Benannt sind die 1e-Pläne nach ihrer gesetzlichen Grundlage, dem Artikel 1e der Verordnung über die berufliche Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge (BVV2). Sie stellen ein spezielles Anlageinstrument dar, mit dem Angestellte ihre Strategie für Vorsorgebeiträge auf Lohnanteilen über CHF 126’900 (Stand: 1. Januar 2016) selbst wählen können. In der Regel betrifft dies Arbeitnehmer im mittleren Management und in höheren Positionen, je nach Branche und Unternehmen.

Theoretisch bieten 1e-Pläne finanziell erfahrenen und interessierten Angestellten eine Chance, mehr Einfluss und Eigenverantwortung im Hinblick auf ihre Sparbeiträge für die berufliche Vorsorge zu übernehmen. Dies wird die weitere Entwicklung der beruflichen Vorsorge in der Schweiz grundlegend beeinflussen (vgl. Handlungsspielraum trotz Regulierung). In der Praxis wurden 1e-Pläne mit Ausnahme von ein paar wenigen Konzernen nur sehr begrenzt eingesetzt. Nachfolgend einige Gründe dafür.

Der Hauptgrund ist ein gesetzliches Missgeschick. Demnach müssen die Pensionskassen – und letztlich die Arbeitgeber – die in 1e-Pläne investierten Beträge garantieren. Das Risiko liegt also im Endeffekt beim Unternehmen. Das hat zur Folge, dass 1e-Pläne nach den Rechnungslegungsvorschriften als leistungsorientierte Zusage eingestuft werden. Das wiederum bedeutet, dass die so entstandenen Risiken in der Bilanz erfasst werden müssen, oft in Form umfangreicher Rückstellungen.

Das entsprechende Gesetz soll noch 2016 geändert werden. Damit würde die gesetzlich festgelegte Mindestgarantie für den Fall des Austritts aus der Pensionskasse abgeschafft. Dies bedeutet insbesondere, dass die Verbuchung als beitragsorientierte Vorsorge gemäss IFRS1 und US GAAP2 möglich wird. Bietet eine Pensionskasse statt einer Rente die Auszahlung eines Einmalbetrags an und sind andere biometrische Risiken in Form eines Einmalbetrags versichert, dann trägt das Unternehmen keine bedeutsamen weiteren Risiken. Die einzahlbaren Arbeitgeberbeiträge werden zwar als Ausgaben verbucht, aber es entsteht kein Bilanzposten. Damit führt eine scheinbar geringfügige Gesetzesänderung dazu, dass die 1e-Pläne für viele Arbeitgeber, die derartige Vorsorgepläne bisher nicht in Betracht gezogen haben, mit einem Schlag deutlich attraktiver werden.

Vielfältige Vorteile für Arbeitgeber

Der Wechsel zur vorteilhafteren Verbuchung als beitragsorientierte Vorsorge ist aber nicht der einzige Pluspunkt von 1e-Plänen. Auch das Risiko einer Unterdeckung sinkt, weil das Anlagerisiko vor der Pensionierung auf den Angestellten übertragen wird. Ausserdem sehen 1e-Vorsorgepläne in der Regel einen Einmalbetrag bei der Pensionierung statt einer Rente vor, sodass auch das Risiko für die Zeit nach der Pensionierung wegfällt. Zusätzlich setzt dies gewissen Quersubventionierungen zwischen Angestellten und Rentnern mit höherem und tieferem Einkommen (vgl. Handlungsspielraum trotz Regulierung) ein Ende.

Über diese Vorzüge hinaus motiviert ein 1e-Vorsorgeplan die Arbeitnehmer, sich stärker an den Vorsorgeplänen zu beteiligen. Das verspricht ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis für die Ausgaben des Unternehmens. Im Weiteren gibt die Einführung eines Vorsorgeplans einem Unternehmen die Gelegenheit, zu prüfen, wie Begünstigte und Versicherer in Bezug auf die Verwaltung von Kosten und Vermögenswerten organisiert sind. So kann es IT-Lösungen mit anderen langfristigen Anreizstrukturen kombinieren. Diese Schlüsselvorteile werden 1e-Vorsorgepläne zu einer weitaus interessanteren Option für Unternehmen machen – vor allem für solche, die sich das mit dem aktuellen System verbundene Risiko nicht leisten können, und solche, die Vorteile bei der Finanzberichterstattung nutzen oder den Angestellten die Möglichkeit einer eigenen Anlagestrategie bieten wollen.

Weniger kompliziert als angenommen

Unsere Praxiserfahrung und eine umfangreiche Studie über Meinungen und Wissen von Schweizer Arbeitgebern in Bezug auf 1e-Pläne zeigen ein und dasselbe: Viele Arbeitgeber kennen weder das Vorsorgeinstrument noch dessen Vorteile durch die Gesetzesrevision. Die meisten Arbeitgeber, die das Vorsorgeinstrument kennen, erachten die Einführung eines 1e-Plans grundsätzlich als zu kompliziert. Tatsache ist jedoch, dass bereits heute Anbieter von Lösungen für Unternehmen jeder Grösse existieren oder kurz vor der Lancierung stehen. Einige davon werden in der Lage sein, das gesamte Spektrum an Dienstleistungen bereitzustellen: von Bausteinen, mit denen ein Arbeitgeber die bestehende Lösung aufstocken kann, bis hin zu einem vollständigen Paket inklusive Zugriff auf die IT-Infrastruktur und auf administrative Dienstleistungen des Anbieters. Zwar muss ein Unternehmen viele wichtige Fragen klären, bevor es einen 1e-Plan umsetzt. Doch für den Übergang von der alten zur neuen Struktur sind spezialisierte Beratungsleistungen und Unterstützung verfügbar. Eine neutrale Beratung hat den zusätzlichen Vorteil, dass sie bei den Angestellten Vertrauen schafft, denn unabhängige Informationen über Veränderungen werden besonders geschätzt.

Ebenso lohnend für Arbeitnehmer

Von einem intelligent umgesetzten 1e-Plan profitieren Arbeitnehmer und Arbeitgeber gleichermassen. Ist der Plan gut durchdacht, entsteht eine attraktive, fortschrittliche Vorsorgelösung. Diese gewährt den Angestellten mehr Entscheidungsfreiheit und Verantwortung im Umgang mit ihrem Vorsorgeguthaben. So können die Arbeitnehmer die Vorsorge auf ihr individuelles Risiko-Ertrags-Profil abstimmen und das Portfolio des 1e-Plans optimal an ihren privaten Anlagen ausrichten. Schliesslich verschafft ein 1e-Plan den Arbeitnehmern Transparenz.

Hat ein Arbeitgeber die Vorteile eines 1e-Plans für sich und seine Angestellten erkannt und zieht er die Einführung eines solchen ernsthaft in Erwägung, sollte er vorab einige Fragen beantworten. Ein 1e-Vorsorgeplan ist nicht für jedes Unternehmen geeignet. Daher sollte dieses vorerst sicherstellen, dass die Voraussetzungen für die erfolgreiche Umsetzung eines 1e-Plans gegeben sind. Zum einen sollten sich im buchhalterischen Bereich deutliche Vorteile ergeben. Damit sich die Kosten für die Einführung lohnen, sollte das Unternehmen andererseits über ausreichend besser verdienende, finanzerfahrene Angestellte verfügen. Allerdings halten viele Anbieter auch Angebote für wenige Beschäftigte bereit. Unsere Studie zeigt, dass viele 1e-Pläne die Anforderungen von Schweizer Arbeitgebern und Pensionskassen an ihre Vorsorgepläne erfüllen. Es lohnt sich also, dieses Instrument in Betracht zu ziehen.

Von der Einführung zum Erfolg

Wer sich für weitere Schritte entschieden hat, muss sich diversen Herausforderungen der Einführung eines 1e-Vorsorgeplans stellen. Dazu gehört die Definition eines Zugangskriteriums: Hierarchiestufe, Lohn oder eine Kombination daraus. Danach muss das Unternehmen die Anbieterpräferenzen festlegen, eine Auswahlliste erstellen und sich deren Vorzüge präsentieren lassen. Zudem sollte es seinen bisherigen Vorsorgeplan überprüfen und entscheiden, welcher Teil davon auf den 1e-Plan zu übertragen ist. Die Herausnahme gewisser Teile aus dem bisherigen Vorsorgeplan wirkt sich auf die verbleibende Pensionskasse aus, denn das Portfolio wird weniger Vermögenswerte und Verbindlichkeiten enthalten. Darum ist das Vorhaben sorgfältig zu prüfen und einige Elemente der Pensionskasse müssen möglicherweise neu justiert werden.

Schliesslich muss das Unternehmen die buchhalterischen Konsequenzen bemessen und ermitteln, wie der Plan ausgestaltet sein soll, damit er sich als beitragsorientierte Vorsorge verbuchen lässt. Das bedeutet vor allem, dass jede explizite oder implizite Garantie – etwa Umwandlungssätze für die Rente – zu vermeiden ist. Ein 1e-Plan, der einen Einmalbetrag auszahlt, wird wahrscheinlicher als beitragsorientierte Vorsorge eingestuft und umgeht zudem das Langlebigkeitsrisiko. Hingegen wird ein Plan mit Rentenzahlungen weniger wahrscheinlich als beitragsorientierte Vorsorge durchgehen. Für die Beurteilung dieser Aspekte empfiehlt sich eine externe Beratung.

Wie soll der 1e-Plan kommuniziert werden? Wie werden die Angestellten dafür gewonnen? Wie funktionieren die entsprechenden Systeme, respektive wie wird eingezahlt? Soll der bestehende Vorsorgeplan in Teilen aufgelöst werden? Auch diese Fragen gehören zu einem gründlichen Einführungsentscheid. Vorsorgepläne für Arbeitnehmer mit einem Einkommen unter CHF 126’900 sind von den Änderungen nicht direkt betroffen. Wird ein Plan oder eine Pensionskasse aber in eine 1e- und eine andere Komponente aufgeteilt, dann beeinflusst dies auf jeden Fall die gesamte Gestaltung, Struktur und Verwaltung.

1e-Pläne könnten wie erwähnt den Schweizer Vorsorgemarkt verändern, indem sie das Konzept der individuellen Wahl von Anlagestrategien und eine persönliche Verantwortung für die Risiken der Pensionierung in den Mittelpunkt rücken. Obwohl es diese Option bereits gibt, haben sie bislang nur sehr wenige Unternehmen genutzt, was das Gesamtsystem praktisch nicht tangiert hat. Erleben die 1e-Pläne nach der Gesetzesänderung den prognostizierten Aufschwung, dann könnten sie einen grösseren Anteil der Vermögenswerte und Verbindlichkeiten des heutigen Systems abdecken und weitere Neuerungen im System anstossen.

Wir sind für Sie da!

Adrian Jones

Adrian Jones

Director, Steuer & Rechtsberatung

+41 58 792 40 13

Fazit

Nach der anstehenden Gesetzesänderung dürften 1e-Vorsorgepläne für Arbeitnehmer und Arbeitgeber klar an Attraktivität gewinnen. Die Arbeitnehmer erhalten mehr Einfluss auf ihre Sparbeiträge für die berufliche Vorsorge. Die Arbeitgeber wiederum können sich entscheidende Vorteile für die Finanzberichterstattung und das Risikomanagement zunutze machen. Die Einführung eines 1e-Vorsorgeplans muss nicht so teuer und komplex ausfallen, wie dies viele Arbeitgeber befürchten. Auch für eine kleinere Anzahl von Angestellten mit höherem Einkommen kann der 1e-Plan ein spannendes Angebot darstellen. Sind die Einzelheiten gut durchdacht, kann ein solcher den Druck auf das Vorsorgesystem wesentlich verringern – und gleichzeitig die Bedürfnisse der Angestellten erfüllen.

  1. International Financial Reporting Standards
  2. United States Generally Accepted Accounting Principles