Im Fokus: berufliche Vorsorge

Verstehen, was (nicht) in den Büchern steht


Das Bewusstsein dafür, dass sich die aktuellen Rentenversprechen der zweiten Säule langfristig nicht ausfinanzieren lassen, ist über die letzten Jahre gewachsen. Die Menschen werden immer älter, laufende Renten können aufgrund der heutigen Rechtslage de facto nicht gekürzt werden, und die Anlageerträge liegen seit Jahren unter dem erforderlichen Niveau. Das alles führt zu einem Umlagerungseffekt der Kosten für die Vorsorgeleistungen auf die Aktivgenerationen – in Milliardenhöhe.

Stefan Haag

Stefan Haag

Director, Wirtschaftsprüfung

Es erstaunt also nicht, dass die Vorsorgeeinrichtungen ihre Rentenpläne anpassen. Nur stellt sich die Frage, wie sich Massnahmen zu Vorsorgeleistungen in der Jahresrechnung eines Unternehmens darstellen. Dabei spielt nicht nur die Ausgestaltung der Massnahme(n) selbst, sondern vor allem auch die angewendete Rechnungslegungsnorm eine Schlüsselrolle.

Zwei Perspektiven auf die gleiche Problematik

In der Schweizer Rechnungslegungspraxis sind für Einzelabschlüsse das Obligationenrecht (OR) und für Konzernabschlüsse die Swiss GAAP FER, die International Financial Reporting Standards (IFRS) oder US GAAP relevant. Je nach angewendetem Standard ergeben sich für die Abbildung von Vorsorgeverbindlichkeiten zwei unterschiedliche bilanzierungstechnische Blickwinkel:

a) Rechnungslegung nach OR/FER: Dieser Ansatz erfasst in erster Linie die rechtlich erworbenen Leistungen und deren Finanzierung. Abschlüsse nach OR bzw. nach Swiss GAAP FER gehen damit von einer Zahlungsstrombetrachtung aus, die sich aus der gesetzlichen Pflicht zur vollständigen Ausfinanzierung von Vorsorgeleistungen ableitet. Ausgangspunkt für eine mögliche (Vorsorge-)Verpflichtung des Unternehmens bildet dabei die Jahresrechnung der Vorsorgeeinrichtung. Diese ist nach Swiss GAAP FER 26 zu erstellen und beantwortet insbesondere die Frage, in welchem Umfang die zum Bilanzstichtag rechtlich erworbenen Leistungen ausfinanziert sind. Das in der Vorsorgeeinrichtung vorhandene Vermögen wird dazu zum Fair Value bilanziert, die Leistungen an die Versicherten zu den technischen Grundlagen des Vorsorgereglements. Der für die Diskontierung verwendete technische Zinssatz ergibt sich aus einem langfristig ermittelten Durchschnittswert. Eine Vorsorgeverpflichtung für das Unternehmen kann insbesondere dann entstehen, wenn die reglementarischen Leistungen aktuell ungenügend ausfinanziert sind und die Vorsorgeeinrichtung gezwungen ist, Massnahmen zur Verbesserung der finanziellen Lage zu ergreifen. Aus Sicht des OR- bzw. FER-Abschlusses des Unternehmens stellt sich die folgende Schlüsselfrage: Wie verändern die vorgesehenen Massnahmen die Finanzierung der Vorsorgeeinrichtung?

b) Rechnungslegung nach IFRS/US GAAP: Dieser Ansatz stellt das Leistungsversprechen an die Mitarbeitenden aufgrund des aktuell gültigen Vorsorgereglements in den Mittelpunkt. Die Vorsorgeverpflichtung des Unternehmens ergibt sich als Differenz zwischen dem zum Fair Value erfassten Vermögen der Vorsorgeeinrichtung und dem Barwert der anteilig erworbenen Anwartschaften. Der zur Barwertermittlung erforderliche Diskontierungssatz wird stichtagsbezogen aus dem Kapitalmarkt abgeleitet. Da gemäss IFRS und US GAAP sämtliche Kosten aus dem Leistungsversprechen für das Unternehmen zu berücksichtigen sind, werden in den versicherungsmathematischen Berechnungen zukunftsbezogene Annahmen wie Lohn- und Rentensteigerungen sowie die erwartete Entwicklung der Lebenserwartung berücksichtigt. In welchem Umfang die Vorsorgeverpflichtung ausfinanziert ist, spielt bei dieser Betrachtungsweise eine untergeordnete Rolle. Werden Massnahmen zur Verbesserung der finanziellen Lage der Vorsorgeeinrichtung beschlossen, lautet die Schlüsselfrage bei IFRS/US-GAAP-Abschlüssen folgendermassen: Wie verändert sich das Leistungsversprechen?

Agieren statt reagieren

Ist für eine Vorsorgeeinrichtung absehbar, dass ihr Vorsorgeplan künftig ungenügend ausfinanziert sein wird, kann für Stiftungsräte und insbesondere ihre Arbeitgebervertreter bereits ein Handlungsbedarf entstehen, noch bevor eine Sanierungspflicht im Sinne des Vorsorgerechts gegeben ist. Eine solche orientiert sich stark am technischen Deckungsgrad. Zwar knüpft der Sanierungsfall rechtlich am technischen Deckungsgrad von 100% an. Doch ein technischer Deckungsgrad von aktuell über 100% besagt nicht, dass sich Leistungspläne mittel- bis langfristig ausfinanzieren lassen. Grund genug, frühzeitig passende Massnahmen einzuleiten. Bei deren Festlegung sind neben den rechtlichen Rahmenbedingungen weitere Faktoren relevant, so etwa Ursache und Ausmass der Unterdeckung, Risikofähigkeit der Vorsorgeeinrichtung, aber auch ökonomische Überlegungen und Interessen des Unternehmens wie Attraktivität des Lohnpakets als Ganzes oder die Reputation des Unternehmens als Arbeitgeber.

Nachfolgend sind die wichtigsten Präventiv- und Sanierungsmassnahmen in Kürze dargestellt:

Senkung des Umwandlungssatzes: Diese Massnahme wird aktuell kontrovers diskutiert. Sie bedingt meistens eine Reglementsänderung und damit eine Anpassung des Leistungsplans durch Kürzung des Leistungsversprechens. Die Sanierungswirkung für die Vorsorgeeinrichtung entsteht prospektiv, da die künftigen Renten weniger Deckungskapital benötigen als die laufenden. Häufig findet gleichzeitig mit der Reduktion des Umwandlungssatzes eine Senkung des technischen Zinssatzes statt (siehe Abbildung 1).

Exkurs Diskontierung

Vorsorgeversprechen führen zu langfristigen Verpflichtungen. Um den Faktor Zeit zu berücksichtigen, werden für die Bilanzierung von Vorsorgeverpflichtungen diskontierte Werte verwendet. Die für eine Diskontierung verwendeten Sätze werden je nach Rechnungslegungsstandard unterschiedlich ermittelt.

Der technische Zinssatz für Swiss-GAAP-FER-26-Zwecke leitet sich aus dem technischen Referenzzinssatz ab, der einen Durchschnittswert aus der Performance des BVG-Index 2005 Pictet BVG-25 plus der letzten 20 Jahre sowie der Rendite der 10-Jahres-Bundesanleihen darstellt.1

Der für IFRS-/US-GAAP-Zwecke verwendete Diskontsatz ergibt sich auf der Grundlage von Renditen, die am Bilanzstichtag für erstrangige, festverzinsliche Industrieanleihen am Markt erzielt werden.2

Diese unterschiedlichen Berechnungsweisen führten in den letzten Jahren zu einem Auseinanderklaffen der Diskontierungsgrössen (siehe Abbildung 1). Dies ist einer der Hauptgründe, warum die Vorsorgeverpflichtungen nach IFRS / US GAAP deutlich höher ausfallen als unter Swiss GAAP FER bzw. OR.3

Minderverzinsung der Altersguthaben: Hier werden die Vorsorgeleistungen ohne Anpassung des Leistungsplans gesenkt. Diese Massnahme geht zulasten der aktiven Versicherten: Sie entspricht einer Leistungskürzung zugunsten der Rentner.

Verwendungsverzicht des Unternehmens auf die Arbeitgeberbeitragsreserve (AGBR): Mit einer solchen Verzichtserklärung ist die AGBR für die Zeit der Unterdeckung nicht für das Begleichen der Arbeitgeberbeiträge einsetzbar. Mit dieser Massnahme wird eine Unterdeckung zwar nicht reduziert, doch erhält die Vorsorgeeinrichtung Zeit für das Ausarbeiten weiterer Massnahmen.

Sanierungsbeiträge durch Arbeitgeber und -nehmer: Über dieses Instrument fliessen der Vorsorgeeinrichtung zusätzliche Mittel zu, ohne dass sich die Vorsorgeleistungen erhöhen. Art. 65 d BVG sieht vor, dass der Arbeitgeber mindestens gleich hohe Sanierungsbeiträge wie die Versicherten entrichtet.

Abbildung 1: Exkurs Diskontierung

Quelle: Schweizerische Kammer der Pensionskassen-Experten

Zu Risiken und Nebenwirkungen

Präventiv- und Sanierungsmassnahmen im Zusammenhang mit einer finanziellen Schieflage der Vorsorgeeinrichtung wirken sich im dargestellten Wert je nach Rechnungslegungsstandard unterschiedlich im Abschluss des Unternehmens aus. Abbildung 2 zeigt die wichtigsten Auswirkungen im Überblick:

Abbildung 2: Auswirkungen von Sanierungsmassnahmen auf den Jahresabschluss eines Unternehmens
Massnahmen bei Unterdeckung der Vorsorgeeinrichtung Obligationenrecht Swiss GAAP FER IFRS
Reduktion der Verzinsung der Altersguthaben (Tiefere Vorsorgeleitsung ohne Anpassung des Leistungsplans) Indirekte Auswirkung künftig tieferer Rückstellungsbedarf bzw. tiefere Eventualverbindlichkeit Indirekte Auswirkung künftig tieferer Rückstellungsbedarf bzw. tiefere Eventualverbindlichkeit Reduktion der DBO4 infolge Neubewertung im OCI5
Senkung des Umwandlungssatzes (Tiefere Vorsorgeleistung mit Anpassung des Leistungsplans) Indirekte Auswirkung künftig tieferer Rückstellungsbedarf bzw. tiefere Eventualverbindlichkeit Indirekte Auswirkung künftig tieferer Rückstellungsbedarf bzw. tiefere Eventualverbindlichkeit Erfolgswirksame Reduktion der DBO4
Beschluss von Sanierungsbeiträgen (Zusage einer Zusatzfinanzierung) Rückstellungsbedarf bzw. Aufwand im Umfang der Sanierungsbeiträge (unabhängig von deren Fälligkeit) Rückstellungsbedarf bzw. Aufwand im Umfang der Sanierungsbeiträge (unabhängig von deren Fälligkeit) Keine direkte Auswirkung
Zahlung von Sanierungsbeiträgen (Leistung einer Zusatzfinanzierung) Ergebnisneutrale Verminderung der Rückstellung Ergebnisneutrale Verminderung der Rückstellung Ergebnisneutrale Verminderung der Netto-Vorsorgeverpflichtung sowie tiefere Vorsorgekosten in Folgeperioden aufgrund besserer Finanzierung des Vorsorgeplans
Unternehmen erklärt Verwendungsverzicht auf AGBR6 Teil der Netto-Auflösung stiller Reserven (aufwandwirksame Wertberichtigung, sofern AGBR6 bilanziert) Aufwandwirksame Wertberichtigung der AGBR6 Keine direkte Auswirkung
Vorsorgeeinrichtung senkt technischen Zinssatz Höherer Rückstellungsbedarf Höherer Rückstellungsbedarf Keine direkte Auswirkung (sofern keine Leistungsverbesserungen für aktive Versicherte im Leistungsprimat)
Abbildung ansehen

Ein besonderes Augenmerk gilt den folgenden bilanzierungstechnischen Effekten:

  • Zusätzliche Zahlungen bzw. Zahlungsverpflichtungen seitens des Unternehmens führen zu zusätzlichem Aufwand in OR- und FER-Abschlüssen. In einem IFRS-Abschluss entfalten sie keine direkte Ergebniswirkung. Indirekt ergibt sich künftig durch die bessere Ausfinanzierung und entsprechend tiefere Zinskosten gar ein tieferer Vorsorgeaufwand.
  • Wird das Leistungsversprechen eines Vorsorgeplans angepasst, ergibt sich im IFRS-Abschluss eine Ergebniswirkung, nicht aber in einem OR- bzw. FER-Abschluss. Denn derartige Anpassungen können vorsorgerechtlich nur prospektiv erfolgen.
  • Eine nach IAS 19 ermittelte Unterdeckung löst im Gegensatz zu einer Unterdeckung im Sinne des BVG keine Handlungspflichten im vorsorgerechtlichen Sinn aus – weder für das Unternehmen noch für die Vorsorgeeinrichtung. Trotzdem stellt sie einen Indikator für allfällige finanzielle Probleme der Vorsorgeeinrichtung in der Zukunft dar.

Dafür und dagegen

Die beiden Bilanzierungskonzepte OR/FER bzw. IFRS/US GAAP weisen Vor- und Nachteile auf. Entscheidungsträger von Vorsorgeeinrichtungen, Arbeitgebervertreter und Bilanzleser sind gut beraten, die Eigenheiten und Unterschiede in die Beurteilung ihres Handlungsbedarfs und in ihre strategischen Entscheidungen einzubeziehen. Denn keines der Bilanzierungskonzepte wird der «Wahrheit» wirklich gerecht.

Aussagekraft eines Abschlusses nach OR/FER

Eine Rechnungslegung nach OR bzw. nach FER bildet die Zahlungsströme der näheren Zukunft ab. Eine solche Darstellung ist verständlicher als Langfristprojektionen mit komplexen Berechnungen und Annahmen. Sie ist dann unproblematisch, wenn die Vorsorgeeinrichtung über ausreichende Reserven verfügt. Allerdings gibt sie keinen Aufschluss über die künftige Risikolage des Unternehmens aufgrund des aktuellen Leistungsversprechens und ebenso wenig über die notwendigen Reserven für eine langfristig gesicherte Finanzierung der Vorsorgeleistungen. In der aktuellen Rechnungslegungspraxis finden sich nur wenige Unternehmen, die in ihrem OR- bzw. FER-Abschluss weiterführende Angaben zu ihren Vorsorgeplänen machen. Nützliche Information in diesem Zusammenhang wären sicherlich Angaben zu Art und Weise, wie ein Unternehmen seine berufliche Vorsorge organisiert, welche technischen Grundlagen dieses zurzeit verwendet (technischer Zinssatz und Sterbetafeln) und wie sich aktuell die finanzielle Lage der Vorsorgeeinrichtung präsentiert (z.B. Offenlegung des technischen und eines ökonomischen Deckungsgrads und dessen Berechnung).

Aussagekraft eines Abschlusses nach IFRS/US GAAP

Ein Abschluss nach IFRS/US GAAP bildet umfangreiche versicherungsmathematische Berechnungen ab und blickt weit in die Zukunft. Er stellt die Risikolage des Unternehmens aus dessen aktuellem Rentenleistungsversprechen dar. Nur bedingt berücksichtigt bleibt bei dieser Darstellung der Umstand, dass überobligatorische Vorsorgeleistungen prospektiv reduziert werden können. Sowohl IFRS als auch US GAAP verlangen hinsichtlich Vorsorgeverpflichtungen sehr weitgehende Offenlegungen mit teilweise geringer Aussagekraft.

Wir sind für Sie da!

Stefan Haag

Stefan Haag

Director, Wirtschaftsprüfung

+41 58 792 71 29

Fazit

Verwaltungs- und Stiftungsräte sollten die Auswirkungen von Massnahmen gegen eine eingeschränkte Risikofähigkeit der Vorsorgeeinrichtung nicht nur hinsichtlich der Folgen für die Versicherten und die Finanzlage der Vorsorgeeinrichtung, sondern auch im Hinblick auf die Abschlüsse des angeschlossenen Unternehmens kennen. Dabei müssen sie sich bewusst sein, dass es auf den angewendeten Rechnungslegungsstandard ankommt und gleiche Sachverhalte unterschiedlich dargestellt werden können. OR- bzw. FER-Abschlüsse enthalten häufig zu wenige Informationen, IFRS-/US-GAAP-Abschlüsse sehr umfangreiche, teilweise wenig nützliche.

Die Aussagekraft von OR- bzw. FER-Abschlüssen liesse sich relativ einfach erhöhen, indem neben Angaben zur Organisation der beruflichen Vorsorge des Unternehmens auch die verwendeten technischen Grundlagen sowie der technische und der ökonomische Deckungsgrad der Vorsorgeeinrichtung offengelegt würden. Sowohl das neue Rechnungslegungsrecht wie auch Swiss GAAP FER enthalten Ansatzpunkte für eine derart differenzierte Offenlegung.

  1. Für die exakte Berechnungsweise siehe Fachrichtlinie FRP 4 der Schweizerischen Kammer der Pensionskassen-Experten
  2. Für Berechnungen nach IFRS siehe IAS 19.83
  3. Die angegebenen IAS-19-Diskontsätze sind Durchschnittswerte von verschiedenen Pensionskassenberatungsgesellschaften. Die verwendeten Methoden zur Bestimmung der Zinssätze weichen voneinander ab. Deshalb sind die Diskontsätze, welche durch die Schweizerische Kammer der Pensionskassen-Experten publiziert werden, als Indikation zu betrachten und können nicht unbesehen für eine Bewertung verwendet werden.
  4. Defined Benefit Obligation
  5. Other Comprehensive Income
  6. Arbeitgeberbeitragsreserve